3. März 2010
Wer ist Jesus für Luise von Marillac?

Die 6. Betrachtung zum 350. Todesjahr unserer Ordenspatrone Vinzenz und Luise behandelt das Christusbild der heiligen Luise von Marillac. Den Text verfassten Schwester Elisabeth Charpy, Tochter der christlichen Liebe der Provinz Frankreich-Nord, und Schwester Louise Sullivan, Tochter der christlichen Liebe der Provinz Albany/Kanada.

Luise von Marillac liebt es, die Dinge zu verstehen. Sie denkt nach über die Gründe, die Gott veranlasst haben, seinen Sohn auf die Erde zu schicken. Ein Satz kann ihre Gedanken über das Warum der Menschwerdung zusammenfassen: „Gott hat dem Menschen nie eine größere Liebe bezeugt, als da er sich entschloss, Mensch zu werden.“

Nachdem Adam Gott aus seinem Leben verbannt hatte, um sich selbst zu einem kleinen Gott zu machen, ist die Menschwerdung der Beweis für die große Aufmerksamkeit Gottes für seine Geschöpfe. Gott will den Sünder aus seinem tiefsten Leid herausholen und ihm wieder Vertrauen in sich selbst geben. Er möchte, dass er die Würde seines Wesens recht versteht, denn er wurde nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen. Dieses Verlangen Gottes, betont Luise von Marillac, konnte nur in einem absoluten Respekt vor der Freiheit der Person geschehen.

Jeder von uns kann diese göttliche Gnade annehmen oder zurückweisen, je nachdem, wie er sich entscheidet. Gott zwingt den Menschen nicht. Der Mensch ist frei, er ist also fähig, eine Wahl zu treffen, zu den Initiativen Gottes ja oder nein zu sagen.

 

Verwirklichung der Menschwerdung

Luise von Marillac betrachtet gerne die Dreifaltigkeit, sie berät sich mit ihr, sucht, wie man dem Menschen sagen kann, dass der dreifaltige Gott ihn liebt und dass die drei Personen gemeinsam die Menschwerdung des Wortes beschlossen haben: „Sobald die menschliche Natur gesündigt hatte, wollte der Schöpfer im Rat seiner Gottheit diesen Fehler gutmachen. Und um das zu tun, ordnete er in größter und reiner Liebe an, dass eine der drei Personen Fleisch würde. So tritt in der Gottheit selbst eine tiefe Demut zutage….“

Die Verheißung der Menschwerdung der zweiten Person der Dreifaltigkeit gehört zum Liebesplan Gottes mit dem Menschen. Für Luise ist die Demut für Gott ebenso kennzeichnend wie die Liebe. Gott ist nicht mehr der ferne und fordernde Gott, der sich dem Volk so oft als der Allmächtige vorgestellt hat. Die Menschwerdung an sich würde als Beweis genügen, um zu erkennen, wie er ist. Aber viele andere Akte im Leben Jesu bestätigen dies ebenfalls. Durch seine Geburt in einem Stall „wurde Jesus zum Kind, um seinen Geschöpfen freieren Zutritt zu verschaffen“. Luise betrachtet „die Demut, die unser Herr bei seiner Taufe geübt hat“. Und in der Betrachtung über die Fußwaschung am Gründonnerstag notiert sie: „Es kann nichts mehr geben, was mich hinderte, mich zu verdemütigen, da ich das Beispiel unseres Herrn habe.“ „Er hatte Gefallen, von seinen Aposteln geehrt zu werden, aber er lässt sich auch nicht abhalten, sich soweit zu erniedrigen, seinen Aposteln die Füße zu waschen.“

 

Maria, die Mutter Jesu

Die Menschwerdung des Sohnes Gottes ist eine wirkliche Menschwerdung. Das Wort wird Fleisch in der Jungfrau Maria. Mit viel Gefühl und Dankbarkeit betrachtet Luise die Wahl, die Gott in Maria, dieser einfachen Frau aus Nazareth, getroffen hat. „Gott bestimmte sie zur Mutter seines Sohnes.“

Luise von Marillac kennt aus persönlicher Erfahrung die Freude, einem Kind das Leben zu schenken, ihm das Intimste ihrer selbst, ihr Blut, zu schenken. Sie möchte das ganze Glück zum Ausdruck bringen, das sie überwältigt hatte: „Nun ist die Zeit der Erfüllung deiner Verheißung gekommen. Sei auf ewig gepriesen, mein Gott, dass du die heilige Jungfrau erwählt hast… Du hast dich des Blutes der heiligen Jungfrau bedient, um deinem lieben Sohn einen Leib zu bereiten.“

Alle Würde kommt Maria aus ihrer göttlichen Mutterschaft. Luise nennt Maria das „Meisterwerk der göttlichen Allmacht in der rein menschlichen Natur“. Maria preisen, weil Gott sie auserwählt hat, ist das nicht gleichbedeutend mit Gott verherrlichen? Er hat die Menschen so sehr geliebt, dass er selbst in ihre Mitte kommen und aus Maria Mensch werden wollte.

 

Die heilige Menschheit Christi

1652 schreibt Luise von Marillac an die Schwestern von Richelieu und erinnert sie an die Wichtigkeit, das Leben des Gottessohnes während seines Aufenthaltes unter den Menschen zu betrachten. Da werden sie die wahre Liebe finden: „Die Sanftmut, die Herzlichkeit und die Ertragung müssen die Übung der Töchter der christlichen Liebe sein, ebenso die Demut, die Einfalt und die Liebe der heiligen Menschheit Jesu Christi, diese vollkommene Nächstenliebe; das ist ihr Geist. Das, meine lieben Schwestern, dachte ich, Ihnen sagen zu sollen als eine Kurzfassung unserer Regeln.“

In ihrem langen Brief vom August 1655 an die Schwestern im fernen Polen betont Luise ebenfalls die Wichtigkeit, das menschliche Leben Christi zu betrachten: „Ehren Sie Jesus Christus durch die Übung der Tugenden, die seine heilige Menschheit uns selbst gelehrt hat.“

In ihren letzten Briefen greift Luise dieses Thema nochmals auf. So etwa an Genoveva Doinel zu Weihnachten 1659: „Sie laden mich ein, mich bei der Krippe einzufinden, um mich mit dem kleinen Jesus und seiner heiligen Mutter zu treffen… Von ihm, meine lieben Schwestern, werden Sie die soliden Tugenden üben lernen, die seine heilige Menschheit schon bei seiner Ankunft übt. Von seiner Kindheit werden Sie alles erlangen, was Sie brauchen, um wahre Christinnen und vollkommene Töchter der christlichen Liebe zu werden.“

Der Nachdruck, den Luise auf die Betrachtung der Menschheit Jesu Christi legt, zeigt, wie sehr sie wünschte, dass das Leben jeder Tochter der christlichen Liebe ein Widerschein des Antlitzes Christi, seiner unendlichen Güte, seiner beispiellosen Liebe sei. Christus ist wirklich die Regel der Tochter der christlichen Liebe und auch der ganzen Vinzentinischen Familie.

 

Jesus, der Erlöser

Luise von Marillac, die theologisch gut gebildet ist, versteht, dass „die Menschwerdung des Sohnes Gottes nach dem Plan ist, den Gott von Ewigkeit her für die Erlösung des Menschengeschlechtes hatte“. Der durch die Sünde verursachte Bruch zwischen Gott und dem Menschen kann nicht für immer sein. Indem Gott seinen Sohn auf die Welt schickt, möchte er den Bund erneuern und dem Menschen die Möglichkeit geben, den Sinn seines Daseins wiederzufinden. Die Erlösung, so bemerkt Luise von Marillac, ist eine Neuschöpfung, eine „Re-kreation“, die nur nach einem langen Prozess der Verwandlung, des Todes und des Wiedererstehens des Lebens geschehen kann.

Die leidende Menschheit ist für Luise von Marillac eine Verlängerung der leidenden Menschheit Christi. Der Dienst der Liebe eines jeden Vinzentiners ist eine Weiterführung der Erlösung, die es jedem Armen, jedem Gedemütigten, jedem Fertiggemachten ermöglicht, wieder  aufzuleben, wieder aufzuerstehen, wieder ein lebendiger, von seinem Übel, von seiner Sünde befreiter Mensch, also ein freier Mensch zu werden. Diese bemerkenswerte Überlegung deckt sich mit jener des Paulus, der zu sagen wagte: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kol 1,24).

Die Passion des Sohnes Gottes ist ein Akt so tiefer Liebe, dass Luise ihn auf das Siegel der Genossenschaft der Töchter der christlichen Liebe schreiben wird: „Die Liebe Jesu Christi, des Gekreuzigten, drängt uns.“ Luise will, dass diese Liebe das Herz jeder Tochter der christlichen Liebe beseele und entflamme, um allen Armen dienen zu können. In der Formel, mit der sie ihre Briefe beendet, erwähnt sie sehr häufig diese einzigartige Liebe, die Jesus am Kreuz bekundet hat: „Ich bin in der Liebe Jesu, des Gekreuzigten, Ihre demütige Dienerin.“ Luise wünscht für sich selber und für jene, denen sie schreibt, erfüllt zu sein von der Liebe, die Jesus gedrängt hat, am Kreuz zu sterben. Sie macht sich die Worte des heiligen Johannes in dessen erstem Brief zu Eigen: „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und uns seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat. … Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen“ (1 Joh 4,10,16).

 

Die Eucharistie

Die Menschwerdung beschränkt sich nicht auf die Lebenszeit Christi. Als seine Stunde naht, ersinnt Jesus das Mittel, diese von Dauer sein zu lassen und er erfindet etwas, damit er immer bei uns sein kann. Luise von Marillac steht bewundernd vor dieser Erfindung der Eucharistie, die nicht ihresgleichen hat: „Dem Sohn Gottes war es noch nicht genug, einen menschlichen Leib anzunehmen und bei Menschen zu leben. Er wollte die untrennbare Vereinigung der göttlichen Natur mit der menschlichen, er hat sie nach der Menschwerdung hergestellt in der wunderbaren Erfindung des heiligsten Sakramentes des Altares, in dem unaufhörlich die Fülle der Gottheit in der zweiten Person der heiligsten Dreifaltigkeit wohnt.“

Mir scheint, Gott tut dem Menschen die Tiefe seiner Liebe kund und will sie immer wieder kundtun. Schon die Menschwerdung hat diesen innigen Wunsch nach Vereinigung kundgetan und die Eucharistie tut dies auf noch großartigere Weise. Luise von Marillac hält sich nicht beim Aspekt „Gedächtnis und Opfer“ der Eucharistie auf, sondern spricht lange über die Kommunion als von „dieser wunderbaren und dem menschlichen Sinn unbegreiflichen Tat“.

Den Leib Christi empfangen heißt, so sagt Luise von Marillac, teilhaben an diesem göttlichen Leben. Christus gibt sich zur Speise, damit der Mensch aus ihm neue Kraft schöpfe, um seinen Auftrag in der Welt zu erfüllen. Der Christ ist aufgerufen, sich in der Nachfolge Christi mit seinem ganzen Sein einzusetzen, wenn er seinem Nächsten Leben und Liebe bringen will. Der Empfang der Kommunion verleiht eine außerordentliche Kraft, denn sie gibt uns die Fähigkeit, in ihm zu leben, da wir ihn lebendig in uns tragen“.

Als Antwort auf ein solches Geschenk Gottes wünscht Luise für sich selbst und für jene, die sie auf ihrem geistlichen Weg begleitet, „eine innige und liebevolle Verbundenheit mit Gott“. Ist es einem Menschen tatsächlich möglich, sich auf eine solche Weise mit seinem Gott zu vereinen? Die Zeit der Danksagung nach der Kommunion soll eine Möglichkeit sein, Gott seine ganze Freude und seine ganze Dankbarkeit auszudrücken, denn Christus, der zu uns gekommen ist, macht uns ihm ähnlich! „Freuen und wundern wir uns über diese wunderbare und liebevolle Vereinigung, durch die Gott, da er sich in uns sieht, von neuem sich uns ähnlich macht durch die Mitteilung nicht nur seiner Gnade, sondern seiner selbst.“ Luise weiß nicht, wie ihrem Herrn und Gott danken, weil er auf diese Weise auf Erden bleiben wollte, damit alle Menschen ihm jene Ehre erweisen können, die seiner heiligen Menschheit im Himmel schon erwiesen wird.

 

Zusammenfassung

Luise hat eine sehr starke und sehr gefühlvolle Vorstellung von der Liebe Gottes. Wie die biblischen Schriftsteller weiß auch Luise, dass „Gott ein verzehrendes Feuer ist“ (Hebr 12,26). Die Schwestern und alle, die das vinzentinische Charisma teilen, sind eingeladen, ihr Wesen im täglichen Leben von diesem Feuer erfassen zu lassen und die Fülle der Liebe anzunehmen, die der Geist in die Herzen ausgießt. In dieser Beziehung werden sie Kraft, Energie und Kreativität finden, ihren Dienst der Liebe bei jenen zu erfüllen, die unter den verschiedenen herkömmlichen und neuen Formen der Armut leiden.

Luise weiß, dass Jesus nachfolgen und ihm in seinen leidenden Gliedern dienen nicht heißt, ihn „mit einer gewöhnlichen Liebe zu lieben“, es heißt, ihn mit einer starken, soliden Liebe lieben, die sich durch keine Schwierigkeit erschüttern lässt. Diese starke Liebe zeigt sich konkret und Tag für Tag in der Aufmerksamkeit für jeden, in der Sanftmut und in der Güte allen gegenüber. Je mehr die Liebe zu Gott wächst, umso mehr wird man sich auch der Würde eines jeden, seiner Freiheit und der Hochachtung bewusst, die man ihm schuldet. Auf diese Weise hat auch Christus uns seine Liebe bezeugt.